✿ Leseprobe - Schachtkinder ✿

Prolog

 

Ein junges Mädchen, gerade zehn Jahre alt geworden, tritt elegant in einen festlich geschmückten Raum. Der sanft schimmernde Stoff ihres weißen Kleides strahlt mit ihr um die Wette und scheint alle Aufmerksamkeit nur auf sie zu ziehen. Viele bewundernde Blicke fallen auf diese sommerlich gebräunte Schönheit mit schwarzem, langem Haar, das prachtvoll mit einer glitzernden Spange zurück gehalten wird. Für diesen Moment verzaubert ein glückliches Funkeln in Sarahs eismeerblauen Augen sie zu einer Prinzessin. Sie liebt diese Aufmerksamkeit und lässt keinen Moment aus, der Welt zu zeigen: Ihr habt Recht!

Vom anderen Ende des Saals ruft eine schwache Stimme zu ihr herüber. Trotz der vielen Geräusche um sie herum nimmt Sarah diesen sehr vertrauten Tonfall sofort wahr. Sie macht sich jedoch nicht die Mühe, dem Ruf zu folgen. Nein, sie lässt kommen.

Es dauert nicht lange und eine ebenso schlanke Person tritt vor Sarah und begrüßt sie stürmisch mit einer Umarmung.

„Wow Sarah, du siehst ja toll aus!“, quietscht es aus dem Mund des blonden Mädchens, das zu Sarahs besten Freundinnen zählt.

„Hey Yvonne“, erwidert Sarah kurz und schenkt dem sommerlichen Outfit ihres Gegenübers keinerlei Beachtung.

Stattdessen lässt sie ihren Blick durch die Turnhalle der Schule schweifen und spielt an ihrem silbernen Armreif, den sie zum Anlass des Schulballs von ihrer Oma geschenkt bekommen hat. Auch das Kleid war ein Geschenk ihrer Großeltern. Als Persönlichkeit aus gutem Hause will man schließlich auch den Nachwuchs angemessen präsentieren.

Das Fest ist bereits in vollem Gange. Musikalisch untermalt von der eigenen Schulband, beschäftigen sich die Meisten mit dem Verzehr von Süßkram, bei einer flotten Sohle auf der Tanzfläche, oder dem Austausch der diesjährigen Noten in den einzelnen Fächern. Für viele ist das hier nicht nur der Abschied der diesjährigen Klasse, sondern auch ein Abschied von der Grundschule, nach der der Wechsel auf ein höheres Bildungsinstitut ansteht.

„Schatz, wir fahren dann jetzt. Ich denke, du kommst alleine zurecht“, ertönt es auf einmal hinter den beiden Zehnjährigen.

„Ja, ja“, antwortet Sarah genervt und verabschiedet sich durch eine mehr oder weniger herzliche Umarmung von ihrer Mutter.

Auch ihr Vater nimmt sie noch einmal in den Arm, „Ich hab dich lieb, mein Schatz“ und tritt schließlich zusammen mit seiner Frau den Rückzug an, um die Kids nicht beim Feiern zu stören.

Kaum sind sie aus dem Blickfeld, rollt Sarah mit den Augen.

„Endlich sind sie weg“, sagt sie schnippisch und ist mit ihren Gedanken bereits wieder bei den ach so schrecklichen Outfits ihrer Mitschülerinnen.

„Eltern halt“, kommentiert Yvonne den Abschied und ist insgeheim froh, dass ihre Eltern sie bereits im Auto verabschiedet haben.

Doch dann bekommt Sarah auf einmal ein flaues Gefühl im Magen. Wie von etwas anderem gesteuert, dreht sich ihr Kopf zurück in die Richtung, in die ihre Eltern gerade verschwinden.

„Ich liebe euch auch“, flüstert sie ihnen nach und sieht die beiden wie in einer düsteren Wolke verpuffen.

Plötzlich reißt ein Schrei sie aus ihren Träumereien und verwandelt die Duftwolke des teuren Parfüms ihrer Mutter in beißenden Gestank aus Schwefel und abgestandener Luft.

Vor ihren Augen befindet sich nicht mehr die belebte Turnhalle ihrer Eliteschule, sondern der überdrüssig vertraute Anblick schroffer Felswände.

Wieder schreit es aus Leibeskräften in unmittelbarer Nähe. Erst jetzt realisiert Sarah, wo sie sich tatsächlich befindet und beobachtet, wie ein hochgewachsener Mann mit einem Eisenspaten ausholt. Gelähmt vor Panik sieht sie dabei zu, wie das schwere Werkzeug auf einen kleinen Jungen mit dunkelbraunen Haaren zuschießt. Wieder und wieder trifft es den Sechsjährigen voller Wucht am Rücken.

„Dir werd ich’s zeigen!“, brüllt der Mann mit tiefer Stimme und holt erneut aus.

Wieder zuckt Sarah beim Aufprall zusammen. Sie legt schockiert ihre Hand auf den Mund und spürt, wie sich zu der einzelnen Träne, die gerade noch ihren Eltern galt, weitere gesellen. Auch wenn sie es fast schon gewohnt ist, wird ihr dieser Anblick wohl immer nahe gehen.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0