✿ Fundstück auf meiner Festplatte ✿

Ich habe auf meiner Festplatte eine etwas ältere Geschichte wiedergefunden, die ich mal für meinen Mann geschrieben hatte und euch nicht vorenthalten will xD


Stevens Abenteuer

 

Müde rieb sich der kleine Steven die Augen, als er auf einmal seine Mutter von unten hochrufen hörte:

"Steh endlich auf, du faule Nuff!"

Steven stand schwerfällig auf, wuschelte sich in den Haaren und schlüpfte in seine Socken... das einzige Kleidungsstück - neben seiner Unterhose - mit dem er sich entschloss, zum Frühstück zu gehen.

Unten angekommen wurde seine Mutter direkt böse mit ihm.

"Hast du etwa vor, so zur Schule zu gehen?"

Steven schaute an sich runter und zuckte mit den Schultern.

"Joa?"

Mit einem Augenrollen schüttelte seine Mutter den Kopf und warf ihm neue Kleidungsstücke entgegen.

"Was ist das?"

fragte Steven entgeistert.

"Neue Anziehsachen"

antwortete seine Mutter.

"Da du ja offensichtlich nichts mehr zum Anziehen hast bis auf diesen abgenutzten Lappen da um deinem Popo, hab ich dir mal was ordentliches gekauft."

Steven betrachtete das blau-karierte Hemd, die Jeans und die dazu passenden Schuhe. Er hasste Klamotten, die aufeinander abgestimmt sind, darin sah man seiner Meinung nach viel zu fein aus. Er trug lieber abgeschabte Hosen und einen dazu überhaupt nicht passenden Pulli und auf gar keinen Fall Hemden! Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er sowas irgendwann mal gerne tragen würde, wenn er groß wäre, besonders nichts blau-kariertes!

 

Nach dem Frühstück schnappte er sich widerwillig seine Schultasche, griff nach dem Lunchpaket, das ihm seine Mutter in der Küche bereitgestellt hatte und machte sich auf den Weg in die Schule.

Auf dem Weg dorthin hörte er allerdings ein leises Winseln, was ihn von seinem eigentlichen Weg abbrachte und in einen dicht bewachsenen Garten führte. Unter einem Busch mit vielen labberigen Blättern entdeckte er dann, was er die ganze Zeit gehört hatte. Fiepend drehte sich eine Kugel aus weißem Fell zu ihm um und robbte sich zu ihm rüber. Eine nasse stupsige Schnauze beschnüffelt ihn sofort im Gesicht.

"Heeey"

sagte Steven lachend und plumpste nach hinten auf den weichen erdigen Boden. Der kleine Hund bestieg währenddessen Stevens ganzes Gesicht.

"Iiih PFUI!"

wehrte sich Steven und erhobte sich in Sitzposition, wodurch der Welpe wieder runter kullertete.

"Man darf Leute nicht so angreifen!"

stellte Steven mal klar!

Der kleine Hund schaute sein Gegenüber mit einem leicht schrägen Kopfnicken an. Als wollte er sagen, angreifen? Ich?

Steven stand mühsam auf und zupfte sich seine gute neue Kleidung wieder zurecht, die jetzt ganz schmutzig war. Das störte ihn aber keineswegs. Im Gegenteil, insgeheim hoffte er nun, seine Mutter würde die Klamotten gleich wegschmeißen, weil sie so ruiniert sind. Und da Steven ein Mann der Tat war, fackelte er nicht lang und klemmte sich das Hündchen unter den Arm. Genauso wie sein Papa das immer mit dem Brot machte.

"Du musst erstmal gewaschen werden"

stellte Steven, schwer nachdenklich, fest und schleppte das Tier zu seinem Baumhaus. Kaum dort angekommen hörte er von hinten eine Mädchenstimme.

"Was hast du da?"

fragte die Stimme.

Steven drehte sich mit eingezogenem Kopf um und sah genau die Person, die er befürchtet hatte.

"Oh nein, du?"

seufzte er zu Tanja.

"Oooh ist das dein Hund?"

fragte diese sogleich und raste auf die beiden zu.

"Oooh so einen wollte ich auch immer haben."

"Geh weg, der gehört jetzt mir!"

sagte Steven böse und schupste Tanja zurück.

"Der gehört gar nicht nur dir!"

entgegnete sie und versuchte es erneut. Doch wieder wehrte Steven sie ab. Er hat seine Rechnung aber ohne Tanja gemacht.

"Wenn du ihn mich nicht anfassen lässt, hole ich meinen großen André!"

Sofort ließ Steven die Arme - und den Hund - fallen und riss panisch den Mund auf.

"Der ist viel stärker als wie du und der verprügelt dich dann!"

sagte Tanja frech.

"Der ist gar nicht dein Beschützer"

gab Steven schnippisch, aber sichtlich verängstigt zurück.

"Doch ist er wohle! Der tut alles, was ich ihm sage!"

Eingeschüchtert strich Steven sich über den Arm. Tanja hatte freie Bahn, um den Welpen zu knuddeln.

"Der ist sooo süß"

sagte sie verträumt.

"Wer, André?"

grinste Steven.

"Nein, iiih, der ist voll häßlich, ich meine den Hund."

"Findest du mich süß?"

fragte Steven, während er neidisch beobachtete, wie Tanja mit dem Hund spielte.

"Nee"

antwortete sie emotionslos,

"Jungs sind nicht süß, sonst wären es ja keine Jungs."

Sie schnappte sich einen langen Grashalm und animierte das weiße Fellknäuel dazu, ihn zu jagen.

"Wie heißt der denn?"

Steven überlegte kurz. Doch bevor er antworten konnte, rief Tanja:

"Nein, er heißt Konrad"

Ihr Nebenmann schaute sie entgeistert an.

"Hast du sie noch alle? Was ist denn das für'n bescheuerter Name? Der heißt Hansi!"

Tanja guckte ihn wütend an und dann zum Hund. Sofort wurden ihre Gesichtszüge weicher und die Augenbrauen entfernten sich vom Mund.

"Nein, du heißt Keks."

Nun reichte es Steven. Er nahm Tanja den Hund weg, klemmte ihn sich wieder wie eine große Baguettestange unter den Arm und kletterte damit rauf ins Baumhaus, wo Mädchen wohlwissend nicht rein durften.

"Püh! Ich wollte eh grad gehen, bei mir zu Hause gibt es heute Eis zum Mittagessen!"

sagte Tanja frech. Sie streckte ihm noch die Zunge raus und stampfte wütend von dannen. Steven schaute ihr neidisch hinterher, er wollte auch Eis zum Mittagessen.

Behutsam setzte er sich im Schneidersitz auf den Bretterboden des Baumhauses und das Hündchen vor sich.

"Mädchen sind doof oder?"

Der Hund machte ein fiepsendes Geräusch und beschnüffelte Stevens Schuhe.

"Wenn ich mal groß bin, sorge ich dafür, dass es keine Mädchen mehr gibt!"

Den Rest des Tages spielte Steven ausgelassen mit Hansi auf dem Rasen. Er warf Stöckchen so weit weg wie er nur konnte und trug seinen neuen besten Freund dann den einen Meter dorthin, um ihm den Stock ins Maul zu klemmen und zu sagen:

"Gut gemacht, Hansi!"

Dann nahm er ihm den Stock wieder weg und warf ihn wieder. Auch wenn es Hansi herzlich wenig interessierte, machte Steven munter weiter und gluckste freudig vor sich hin. Die beiden tobten im hohen Gras, kugelten sich übereinander und fingen kleine Krabbelkäfer.

 

 

 

Am späten Abend hörte Steven auf einmal seine Mutter nach ihm rufen. Erschrocken schnappte er sich den Hund und lief nach Hause. Dort angekommen schaute ihn seine Mutter mit böser Miene an. Sie hatte auch wieder die Hände in die Hüften gestemmt, was gar nichts Gutes hieß. Dabei war sich Steven gar keiner Schuld bewusst.

"Sag mal, wo kommst du denn jetzt her? Dein Lehrer hat angerufen, du warst heute nicht in der Schule. Und dreckig bist du auch noch!"

Steven zupfte sich verlegen am Popo rum.

"Und was hast du da bitte?"

Steven schweigte... schwieg... und senkte den Blick... das weiße Fussel-Brot brav unterm Arm.

Seine Mutter nahm ihm den ebenfalls dreckigen Hund ab und schaute auf sein Halsband.

"Ach du bist das"

sagte sie mit einem Lächeln zu dem Tier.

"Deine Familie sucht dich sicher schon."

Steven schreckte auf.

"Nein! Der soll nicht weg!"

schrie er empört und machte ein trauriges Gesicht.

Seine Mutter strich ihm durch die zerzausten Haare.

"Seine Besitzer vermissen ihn bestimmt schon. Ich bring ihn schnell rüber."

Der kleine Steven war ganz verzweifelt.

"Nein, der soll bei uns bleiben."

Mama schaute ihrem Sohn einen Augenblick in das tottraurige Gesicht und streichelte ihm unterm Kinn her. Dann bückte sie sich zu ihm runter und drückte ihn an sich.

"Ach Schatz, den können wir nicht behalten."

"Aber ich hab den lieb"

schluchzte Steven.

Seine Mama nahm ihn an die Hand und ging mit ihm ein paar Häuser weiter zu den Nachbarn. Während die drei vor der Haustür darauf warteten, dass jemand öffnet, schauten sich der kleine Junge und der kleine Hund ganz traurig an. Dann ging die Tür auf.

"Ach du Schreck, Konrad!"

rief die Frau.

Steven machte einen dumpfen Gesichtsausdruck, der seine Unfreude über diesen Namen zum Ausdruck bringte. Nach einem kurzen Plausch übergab Mama-Steven den Hund in sein zu Hause und ging mit ihrem ganz schwer weinenden Sohn zurück ins eigene zu Hause.

 

Beim ins Bett bringen war Steven immer noch ganz durcheinander und fragte seine Mutter unter Tränen, warum er Hansi nicht behalten konnte. Sie erklärte ihm, dass der Hund zu den anderen gehört, so wie er zu seiner Mama, und, dass sie ihn auch wiederhaben wollen würde, wenn ihn jemand findet.

Das fand Steven ok und konnte endlich nach einem liebevollen Gute-Nacht-Kuss einschlafen.

 

(Bilder designed by Gustavo Rezende on Pixabay)


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