✿ Anders sein ✿

 

Es kocht immer mal wieder ein Thema in mir auf, über das ich heute schreiben möchte. Und zwar geht es um das Thema „Anders sein“. Der Text liegt schon länger auf meinem PC und als ich ihn schrieb wurde ich gerade mal wieder mit aller Macht darauf aufmerksam gemacht, dass niemand der anders ist, einen Platz in dieser Welt hat.

 

Nahezu jeder in dieser Gesellschaft rühmt sich damit „anders“ zu sein. Ja, geradezu vollkommen unabhängig von seinen Mitmenschen. Sie sind der Meinung, niemand wäre wie sie und sind unglaublich stolz darauf. Aber was ist „anders sein“ überhaupt? Und welche Konsequenzen hat das wirklich?

Nehmen wir mal an, die 15-jährige Nina liebt es Saxophon zu spielen, womit sie sich mit Sicherheit von dem Großteil ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler abhebt, da diese auf die zeitgenössischen Instrumente und Bands abfahren. Gehen wir sogar so weit, dass Nina sehr viel Zeit mit ihrem alten Großvater verbringt, weil dieser ihren Musikgeschmack teilt und mit seiner Enkelin oft zu Jazz-Konzerten geht. Natürlich trägt sie dann auch lieber das selbstgestrickte Jäckchen ihrer Oma und läuft nicht gerade in Sneakers oder trendigen Hosen herum. Nina ist also definitiv „anders“.

Ist das jetzt etwas, worauf sie stolz sein kann? Nun, natürlich wird sie ihre Leidenschaften weiterhin lieben, darin geht schließlich ihr ganzes Herzblut auf. Aber kann sie diese Ansicht auch stolz in die Welt hinaus tragen?

Man sollte denken, dass sie das selbstverständlich kann! Anders sein ist schließlich „in“ und Nina würde sich damit eine Menge Freunde machen.

In Wirklichkeit aber würde Nina sicher schwer gemobbt. Weil sie anders ist. Weil sie nicht dieselben Ansichten hat, wie ihre Klassenkameraden. Daher wünscht sie sich nichts mehr, als so zu sein, wie alle anderen. Ein behütetes Mitglied in der Gemeinde.

Leuten wie Nina wird es immer schwer gemacht.
Anders sein, ja bitte, aber bloß nicht anders als alle anderen.

 

Gerade in der aktuellen Zeit wird es hingebungsvoll ausgelebt, total schräg zu sein, eine verrückte, viel zu große Brille zu tragen oder die Haare Wasserstoffblond zu färben. Man braucht sich nur mal umzusehen und sieht kaum noch etwas anderes.

Besonders angesagt ist dabei das „anders sein“, wobei nahezu jeder davon überzeugt ist, sich total von den anderen abzuheben. Die heißgeliebte Band, die Wochenlang den ersten Platz in den Charts belegt muss wirklich wahre Wunder vollbringen, diesen Platz bei nur einem einzigen Fan zu behalten. Und auch die Kleiderindustrie hat sicherlich alle Mühe, die millionen von vollkommen unterschiedlichen Kleidungsstücken auf den Markt zu bringen. Schließlich ist sich jeder sicher, “Niemand läuft so rum wie ich“.

 

Es gibt ein eindeutiges Zeichen dafür, woran man unmissverständlich erkennt, sich wirklich (!) von der Masse abzuheben. Und zwar, wenn man nicht akzeptiert wird. Ist man anders, hat man keine Chance, mit seiner Andersheit zu bestehen. Diese Andersheit wird niemals akzeptiert, geschweige denn honoriert!

Schön zu sehen ist das immer besonders bei der Vox-Serie „Die Höhle der Löwen“. Bei drei von vier Versuchen, neue Ideen auf den Markt zu bringen hagelt es Ablehnungen mit der Begründung, man kenne so etwas noch nicht und wäre deswegen raus. Lediglich Ideen, die zur Gänze ausgelutscht sind und nur irgendwie aufgehübscht wurden, werden toleriert.

Ein ganz winziger Bruchteil der Menschen schafft es erstaunlicherweise dennoch ab und zu etwas Neues unter die Menschheit zu bringen. Diese Neuerungen stammen aber keineswegs von Nina oder Ihresgleichen, sondern von Leuten, die sowieso schon in der Gesellschaft anerkannt werden.

Will man anders sein, folgt man diesem neuen Trend natürlich, denn ganz so anders will man dann ja doch nicht sein.

Für Leute wie Nina ist es daher unfassbar schwer, einen Platz in dieser Welt zu finden.

 

Mein Appell an die Welt da draußen ist daher, nicht nur tolerant zu tun, sondern auch tolerant zu sein. Und das in jeder Hinsicht, nicht nur in der, die gerade hip ist.

 

(Bild designed by Marty Knopp)


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Manu Mair (Sonntag, 10 Juni 2018 06:27)

    Lieber Marty, du schreibst mir von der Seele!
    In unserem Haushalt mit zwei Teenagern ist gerade das, immer wieder Thema. Ich selbst war ein furchtbarer Teen, eine Mitläuferin, damit ich "meine Ruhe" hatte. Ich wollte von den "coolen" Kids gemocht werden, um jeden Preis. Glücklicherweise habe ich die Kurve doch noch gekriegt und kann heute die sein, die ich eben bin. Mit all den guten, aber auch schlechten Seiten. Mal angepasst, mal daneben. Dabei muss ich mich nicht mit irgendeinem Stempel rumschlagen. Ich kann spießig und streng sein, aber auch ausgelassen und verrückt. Authentisch eben und es spielt keine Rolle, dass mich möglichst viele Leute mögen. Wer mit mir kann ist herzlich willkommen und wer nicht, naja, man kann nicht jeden mögen. ;)
    Meine beiden Söhne sind da um einiges stärker als ich es jemals gewesen bin. Sie ziehen beide ihr Ding durch, während sie noch dabei sind raus zu finden, wer sie sind. Zwei ganz unterschiedliche Kinder, die Tag für Tag miteinander lernen müssen, "anders sein" zu akzeptieren.
    Denn wo fängt anders sein an? Ist es nicht so, dass wir uns sogar von den Menschen, die wir lieben unterscheiden? Verschiedene Ansichten, verschiedene Geschmäcker, verschiedene Leidenschaften und Neigungen. Und das ist gut so! Genau wie Gemeinsamkeiten.
    Deinen Appell zu gelebter Toleranz kann ich deshalb nur unterschreiben. Jeder sollte so sein dürfen, wie er/sie möchte. Natürlich unter der Voraussetzung, andere damit nicht zu gefährden/verletzen.
    Und um den Mief des "Gutmenschen" los zu werden ;) : Ja, ich habe Vorurteile, erliege immer wieder Klischees, aber ich finde es wahnsinnig spannend, wenn mich Menschen eines besseren Belehren. Ich denke, wenn wir wach und offen durch die Welt spazieren und nicht alles von vornherein ablehnen, erleben wir jeden Tag kleine Überraschungen.
    In diesem Sinne, seid anders oder auch nicht, Hauptsache ihr bleibt euch selbst treu. :)

  • #2

    Marty (Sonntag, 10 Juni 2018 11:05)

    Hey Manu :-) Vielen, vielen Dank für deinen Kommentar. Find ich total klasse, wenn jemand zugeben kann, dass er ein Mitläufer war/ist. Da ist ja auch nichts falsches dran, es liegt schließlich in der Natur des Menschen, dazugehören zu wollen. Schlimm find ich nur, wie du auch sagtest, wenn andere darunter leiden müssen.
    Fühl dich ganz lieb gedrückt und bleib so offen für alles, wie du bist :-)